Leseprobe

Die Idee stammt von meiner Schwester, Grund war der Tod meines Bruders. Er war dreiunddreißig. War es Selbstmord oder Mord? Es hätte beides sein können. Die eine wie die andere Möglichkeit hinterließ viele offene Fragen und heimliche Schuldzuweisungen. Wer setzte, wissentlich oder unwissentlich, die Tragödie in Gang? Wer waren die Verdächtigen? Die Freunde und Pseudofreunde meines Bruders, deren Leben in sauberen Bahnen verlief? Seine Kollektion mordender, stehlender, verwahrloster Mandanten? Unsere gemischte Familie, Mutter, Vater, meine Schwester, ich? Oder seine Privatschule und der dezente britische Rassismus? Als ich damals spontan laut aussprach, was meine Schwester und ich für ausgemacht hielten, daß nämlich die Art und Weise seines Todes unvermeidlich gewesen sei, hatte Mutter dazu geschwiegen. Über ein Jahrzehnt verging. Eines Tages fragte sie mich, aus heiterem Himmel, was ich damit gemeint hätte. (...) Alles, was ich erzählen möchte, führt zurück zu Shalimar. Nicht zu dem Shalimar des Mogulreichs, jenen märchenhaften Gärten, irgendwo in der Nähe von Alt-Delhi in Indien, mit ihren erfrischenden Teichen und Brunnen und dem schweren Parfüm tropischer Blumen, sondern zu dem Haus gleichen Namens, das seit einem halben Jahrhundert unser Familiensitz ist und in jenem unwirklichen Teil Londons südlich der Themse liegt, der weder ländlich noch städtisch ist und vor unserer Ankunft bessere Tage gesehen hatte. Nachdem dort ein paar Bomben niedergegangen waren, kam die Gegend erst an vereinzelten Ecken und dann überall immer mehr herunter und war schließlich nur noch verkommen, dreckig und marode. Hausbesitzer hörten auf, ihre Hecken zu schneiden – bis auf den Arzt und seine Frau, die einer strengen christlichen Sekte beigetreten waren. Passanten begannen, ihr Schokoladenpapier und ihre leeren Zigarettenschachteln auf den Gehweg zu werfen. Sogar die Mülltonnen wurden schäbiger. Sie waren nicht mehr aus blankem silbrigem Stahl, sondern aus verbeultem grauem Metall oder sogar, noch billiger, aus Plastik und ohne Deckel. Und niemand machte sich mehr die Mühe, sie zu verstecken. Überquellende Tonnen in allen möglichen Farben, Größen und Materialien standen, für alle sichtbar, direkt neben dem Gartentor, so daß Besucher, der Milchmann oder der Briefträger einen detaillierten Einblick in das Privatleben all der Menschen bekamen, die in den Reihenhäusern, Doppelhaushälften und Einfamilienhäusern wohnten. Zur selben Zeit wie das Müllsammelsystem wurde auch das Bevölkerungsgemisch immer bunter. Nichts war mehr konform nach dem Krieg. Mülltonnen erzählen viel über eine Wohngegend.